Gebt die Feiertage frei!
Posted on | April 15, 2011 | 5 Comments
In Nordrhein-Westfalen ist eine Debatte um das Thema Feiertage entbrannt. Die dortigen Grünen hatten die Forderung aufgestellt, die Karfreitagsruhe aufzuheben. Daran merkt man schon, dass die Urheber dieser Forderung auf genau so eine Debatte spekuliert haben, denn Karfreitag ist bald, andere Feiertage hat man dafür gar nicht erst angesprochen – obwohl es auch dort “Tanzverbote” gibt, die am Volkstrauertag oder Heiligabend kein bisschen gerechtfertigter sind.
Ministerpräsidentin Hannelore Kraft lässt sich dazu bereits mit den Worten
“Wir dürfen nicht zulassen, dass der Feiertagsschutz weiter ausgehöhlt wird”
Weiter ausgehöhlt? In Nordrhein-Westfalen sind der größte Teil öffentlicher Freizeitveranstaltungen ab kommenden Donnerstag, 18 Uhr verboten. Und zwar bis Samstag, 6 Uhr morgens. Um diese Feiertage – vor was auch immer – zu beschützen. Wenn das die “ausgehöhlte” Version ist, dann will ich gar nicht erst wissen, wie der “Feiertagsschutz” nach den Vorstellungen der NRW-SPD wohl in voller Ausdehnung aussehen mag.*
Hannelore Kraft lässt auch verlauten, sie käme am Karfreitag nicht auf die Idee, in ein Theater zu gehen. Vermutlich müssen dass ihre Untertanen ihrer Meinung genauso sehen. Immerhin seien die meisten Deutschen nun einmal Christen.
Zu 70% jedenfalls, pflichtet ihr der CDU(!)-Landtagsabgeordnete Sternberg bei, der daraus ein “Recht” dieser 70% ableitet, “in ihrer Religionsausübung respektiert zu werden.”
Mal ganz davon abgesehen, dass ich als formales Kirchenmitglied Teil dieser 70% sein dürfte, mir also mal wieder eine mir völlig absurd vorkommende Meinung unterstellt wird, bloß, weil ich bislang zu faul war, den albern bürokratischen Akt des Kirchenaustritts durchzuführen, davon also mal abgesehen liegt mir nichts ferner, als irgendwen am Karfreitag oder wann immer seine individuelle Religion es ihm befehlen mag zu beten oder was auch immer zu tun. Das ist völlig okay, ich räume wirklich jedem das Sternberg’sche Recht ein und respektiere jeden, der sich Karfreitag brav zuhause, in der Kirche oder wo auch immer er sich laut Papstbefehl dann eben aufzuhalten hat, verkriecht. Das ist okay für mich! Ich verstehe es zwar nicht – aber es macht mir auch nichts aus. Respekt eben.
Umgekehrt dürfen (Un-)Menschen wie ich natürlich nicht erwarten, Respekt von vorbildlichen Individuen wie Sternberg oder Kraft für unsere Lebensweise gezollt zu bekommen. Weil Hannelore Kraft Karfreitag mal keinen draufmachen geht, dürfen wir anderen es auch nicht.
Teile der Grünen – die bekanntlich immer bürgerlicher werden – bekommenunterdessen ebenfalls Angst vor der eigenen Courage und pfeifen ihren Chef mit der etwas hanebüchenen Argumentation,
Wer den Karfreitag abschaffen wolle, müsse sich konsequenterweise auch gegen die Sonntagsruhe aussprechen.
zurück. Das ist insofern hanebüchen, als dass das eigentlich überhaupt kein Gegenargument ist, sondern schlicht und ergreifend korrekt: Die Sonntagsruhe gehört selbstverständlich abgeschafft! Wer Sonntags in die Kirche will, der soll das gerne tun aber die meisten Menschen haben an wirklich jedem Wochentag deutlich wichtigere Termine, ohne deren Wahrnehmung die Gesellschaft – im unterschied zu einer leer bleibenden Kirche – umgehend zusammenbrechen würde (Arbeiten gehen, Ehrenämter wahrnehmen, Fussball spielen – um nur einige Beispiele zu nennen) und die trotzdem nicht per Gesetz von allen möglicherweise ablenkenden Begleitumständen freigehalten werden.
Unter dem Strich scheint man in Nordrhein-Westfalen aber nun ins Auge gefasst zu haben, die wenigen verkaufsoffenen Sonntage noch etwas seltener zu machen. Davon können Gemeinderäte bis jetzt ganze vier Stück übers Jahr erlauben. Können – nicht müssen.
Ich für meinen Teil würde am liebsten alle christlichen (und eigentlich auch alle anderen) Feiertage als Urlaubstage verbringen, die ich mir legen könnte, wohin ich will. Oder alternativ halt arbeiten gehen und bezahlen lassen – das Freihaben ist ja letztlich keine wohltätige Veranstaltung seitens der Arbeitgeber, sondern muss durch den Job zwangsläufig so oder so erwirtschaftet werden. Zwangsweises Freihaben ist damit im Endeffekt nichts anderes als eine besondere Form der Enteignung, wenn man so will.
Aber auch wenn man das anders sieht, ist es doch von der Idee her bereits total gaga, den Leuten vorschreiben zu wollen, wie genau sie einen Feiertag zu begehen haben. Wer nicht zu lauter Musik feiern kann, sondern dafür eine Kirche braucht, der kann dass doch völlig unabhängig davon, ob andere den Karfreitag halt lieber aufm Kiez oder in der Disko verbringen, gerne tun. Jeder Jeck ist eben anders, wie man in NRW doch so schön sagt.
Dieser Erkenntnis muss man als Staat eigentlich unbedingt Rechnung tragen. Zumindest, wenn man sich mit den in Politikerkreisen äusserst beliebten Etiketten “tolerant” oder “weltoffen” schmücken will (und das keine bloße Heuchelei sein soll).
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* Es geht natürlich noch schlimmer: In Niedersachsen beginnt das österliche Tanzverbot bereits am Donnerstag um 5 Uhr (zwei Stunden, bevor ich mich auf den Weg zur Arbeit mache – toll übrigens, dass zumindest Arbeiten erlaubt bleibt, während Feiern des Teufels ist; Bei der Arbeit kann man sich nach Ansicht des Landtags also scheinbar besser um seine Religion kümmern, als beim Feiern nach eigener Fasson) und dauert Samstag den ganzen Tag, bis Mitternacht also. Glücklicherweise interessieren solche Verbote in dem Fleckchen Niedersachsens, in dem ich lebe, abgesehen von kommerziellen Veranstaltern keine Sau, während der Gesetzgeber großzügigerweise diverse ehrenamtliche Dorfveranstaltungen zwischen Karfreitag und Ostersonntag komplett ignoriert. Immerhin.
Comments
5 Responses to “Gebt die Feiertage frei!”
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April 15th, 2011 @ 11:29
http://bit.ly/esMBa0
April 15th, 2011 @ 12:24
Wir lernen: Ostern lieber nicht in Frankfurt verbringen.
April 15th, 2011 @ 16:58
[...] nicht haben, ist er nicht mehr neutral und verletzt die Religionsfreiheit.« (Aktuell dazu auch Jan Filter, der das ganze aus einer dezidiert anderen Perspektive angeht, aber im Ergebnis zum selben Ergebnis [...]
April 15th, 2011 @ 20:25
Ich bin erstaunt: Du hast ja tatsächlich Einzelheiten aus dem niedersächsischen Feiertagsgesetz hervorgezaubert, die mir, der ebendort aufgewachsen ist, bisher völlig unbekannt waren. Die dicksten Partys in diesem Bundesland finden nämlich stets – genau – an Heiligabend statt. Da ist wirklich die Hölle los. Und dass bisher ein einziges Osterfeuer, auch in der niedersächsischen Provinz nicht gerade Veranstaltungen der Einkehr und inneren Ruhe, jemals von den Ordnungsbehörden aufgelöst worden wäre, ist auch nicht bekannt. An Karfreitag immerhin gibts Diskos, die nicht aufhaben, was nicht heisst, dass man da mit ner Kerze zuhause sitzen müsste. In Hamburg übrigens, wo ein solches Gesetz formell ebenfalls gilt, aber niemanden interessiert, hab ich mich vergangenes Jahr an den Petitionsausschuss gewandt mit dem Anliegen, diesen Quatsch dann doch möglichst gleich ganz zu streichen. Die Antwort besagte, es wären keine Probleme mit dieser Regelung bekannt. Hab das mal als hanseatisches Understatement aufgefasst. Denke, in den weltlicheren Ecken der Republik wird ähnlich verfahren, bisher hats eben niemanden interessiert. Dass jetzt die katholischen Provinzen aufbegehen mag strengere Kontrollen zufolge haben, wo vorher niemand geguckt hat, aber über kurz oder lang ist es gut, dass die Sache endlich in den Medien ist und sich Protest regt.
April 16th, 2011 @ 09:33
Tja, Dinge wie die Sonntagsruhe (alternativ: Tankstellensubvention) sind halt ein netter Nebenkriegsschauplatz fuer Politiker, die agieren muessen um ihre Existenz zu rechtfertigen aber zu daemlich oder zu opportunistisch sind, um wichtige Probleme anzugehen (wobei ich inzwischen der Meinung bin, dass wichtige Probleme besser ungeloest bleiben als in den Haenden von Dilettanten zu landen).
Schoenes Beispiel fuer nen typischen Nebenkriegsschauplatz: In dem Land, in dem ich im Moment residiere, hatte man vor einigen Jahren das Problem erkannt, dass tausende betrunkene Jugendliche jaehrlich im Strassenverkehr zu Tode kommen.
Die Patentloesung fuer dieses Problem wurde auch gleich umgehend ins Gesetzbuch geschrieben: Allgemeines Alkoholverkaufsverbot von 0:00 bis 9:00 und von 13:00 bis 20:00.
Gluecklicherweise haelt sich hierzulande, im Gegensatz zu good ole Europe keine Sau an dumme Gesetze