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Der Preis der Freiheit ist stetige Wachsamkeit.

Feiertage

Posted on | April 23, 2011 | 8 Comments

Das Forum für offene Religionspolitik (was das ist, steht hier) debattiert über den Sinn der zwangsweisen Feiertagsruhe. Lars Alt plädiert dagegen, Sonja Völker dafür. Sonja Völker schließt ihr Plädoyer folgendermaßen ab:

An mehr als 350 Tagen im Jahr darf nach Herzenslust getanzt und gefeiert werden. Es ist nicht zu viel verlangt, an wenigen Stillen Tagen aus Respekt vor der Religiosität einer Glaubensgemeinschaft darauf zu verzichten.

In diesen beiden Sätzen ist praktisch alles enthalten, was einem so von der Tanzverbotslobby ständig zu diesem Thema erzählt wird, aber in Wirklichkeit ist nichts davon wirklich haltbar.

Zunächst mal müssen wir uns ja darüber im Klaren sein, dass Feiertage nicht einfach so da sind. Wir bekommen sie nicht geschenkt, nur weil sie vom Gesetzgeber vorgeschrieben werden, sondern sie wirken sich direkt auf unseren Lohn aus. Jeder Tag, den wir nicht arbeiten, muss nunmal durch die Arbeit an anderen Tagen oder eben entsprechend niedrigeren Lohn ausgeglichen werden. Das gilt für Urlaubstage genauso wie für Feiertage. So gesehen ist schon die Existenz eines Feiertages an sich ein bisschen Entmündigung, weil wir den Tag ja eventuell besser irgendwann anders hätten frei haben wollen. Ein vorgeschriebener freier Tag für alle ist also schon an sich nichts uneingeschränkt Positives.

Aber es gibt sie nunmal, diese zwangsweise freien Tage. Und dann hat man ja noch in der Regel zwischen 20 und 30 Urlaubstagen, die man sich frei übers Jahr verteilen kann, hinzu kommen Sonntage und für die meisten Leute auch noch freie Samstage. Da komme ich insgesamt aber immer noch nicht auf Frau Völkers 350 Tage, die man ihrer Meinung nach anstelle des Karfreitages feiernd verbringen könnte. Realistisch betrachtet hat vermutlich auch kaum jemand wirklich Lust dazu aber ins argumentative Feld zu führen, dass man sich jeden beliebigen anderen Tag frei nehmen könnte, um dann zu feiern, ist einfach nicht so wirklich fair, wenn man damit einen Tag rechtfertigen will, an dem man nicht arbeiten darf, aber auch nicht feiern. Letzten Endes glaube ich, dass an einem Karfreitag, der zu einem normalen Arbeitstag würde, womöglich wesentlich mehr Ruhe herrschen würde, als wenn man ihn frei gibt und böse Menschen wie ich trotzdem ein bisschen feiern.

Womit wir bei der nächsten Behauptung wären, dass man nämlich generell “nach Herzenslust” einen drauf machen dürfen würde. Das ist ja nun definitiv nicht der Fall, denn wenn man das ernsthaft tut, kommt in aller Regel irgendwann die Polizei und erklärt einem, dass man seinen Nachbarn grade lautstärkemässig auf die Eier geht. Man darf nämlich seine Mitmenschen an keinem einzigen Tag im Jahr in deren Ruhe einschränken, was ja letztlich auch ein (vernünftiges) Gebot der Fairness ist. Es stellt sich halt schon die Frage, wieso Christen ausgerechnet am Karfreitag nicht in der Lage sind, bei zu lauten Nachbarn so wie an jeden anderen Tag ihr legitimes Recht auf Ruhe durchzusetzen.

Und hier kommen wir dann zu einem weiteren interessanten Punkt, der so etwas wie das Kernthema des Forums für offene Religionspolitik darstellt: Wenn Christen als eine von vielen Glaubensgemeinschaften große Sonderrechte bekommen, wieso finden dann nicht für andere ähnlich bedeutsame Glaubensgemeinschaften entsprechende gesetzliche Feiertage statt? “Kulturelle Identität!!” Wäre darauf die vermutlich leicht empört vorgetragene Antwort eines Feiertagsruhefreundes. Aber wessen Identität soll das sein? In meinem Ort gibt es nichtmal eine Kirche, in meiner Straße interessiert es auch niemanden, ob ich den Karfreitag ruhiger verbringe als jeden anderen Freitag. Hier herrscht offensichtlich eine völlig andere Identität, als der Gesetzgeber das mal vor vielen Jahren beschlossen hat. Gesellschaft verändert sich und zumindest in den Kreisen, in denen ich mich bewege, ist man sich hinsichtlich der kulturellen Identität an Karfreitagen zu 100% einig, dass ein Feiertag ein Feiertag ist und generell nicht mit beten, sondern mit Gartenarbeit, Ausspannen oder eben Feiern verbracht wird. Und das hat nichts mit Respektlosigkeit zu tun. Schließlich fasse ich bimmelnde Kirchenglocken ja auch nicht als Respektlosigkeit auf, sondern toleriere sie (was leicht ist, wenn die nächste Kirchenglocke 10 Kilometer weit weg ist).

Bei allem Verständnis für das Ruhebedürfnis tiefgläubiger Menschen: Warum brauchen wir in diesem merkwürdigen Land ein staatliches Feierverbot, anstatt dass wir mal zur Abwechslung freiwillig Rücksicht nehmen auf unseren Nachbarn? Und zwar das Maß an Rücksicht, dass der braucht und erwartet, nicht gleich Lichtjahre darüber hinaus. Oder anders ausgedrückt: Wozu von oben das Tanzen verbieten, wenn sich doch alle Beteiligten einig sind, dass sie genau das an ihrem freien Tag, noch dazu bei bestem Wetter, tun wollen?

Ich wünsche Dir, lieber Leser, schöne restliche Osterfeiertage, was auch immer Du darunter verstehen magst.

Comments

8 Responses to “Feiertage”

  1. Rayson
    April 23rd, 2011 @ 18:12

    Es hat eben so Tradition. Wir sind nicht voraussetzungslos in dieser Welt.

    Gewiss – Traditionen ändern sich, verschwinden auch. Aber wirklich sinnhaltige Traditionen des gründlichen Innehaltens und Nachdenkens ausgerechnet deswegen anzugreifen, weil man mehr Party will – das erscheint mir ebenso armselig wie bezeichnend.

  2. Jan
    April 23rd, 2011 @ 21:48

    Wenn es aber doch keine “Tradition des gründlichen Innehaltens und Nachdenkens” in Sachen Karfreitag gibt? Hier waren gestern in jedem zweiten Garten kleine Grillfeste.

  3. Rayson
    April 23rd, 2011 @ 22:06

    Wie gesagt: Traditionen können sich ändern.

  4. politbuerokrat
    April 23rd, 2011 @ 22:27

    In Afghanistan regt man sich über Mohammedkarikaturen im fernen Dänemark auf, im Dorf von Jan Filter über angeblich durchgesetzte Tanzverbote im fernen Hessen. Hast Du jetzt ein Ordnungswidrigkeitenverfahren am Hals, weil Du am Karfreitag gefeiert hast?

  5. Jan
    April 23rd, 2011 @ 22:53

    Ich hab ja gar nicht selber gefeiert. Interessant ist übrigens, dass auch heute – wo nach wie vor an sich Feiertagsruhe gilt (und zwar in Niedersachsen, nicht bloß in Hessen) – mindestens jede zweite Feuerwehr (Staat!) Osterfeuer veranstaltet, bei denen nicht selten nicht bloß gefeiert, sondern nach allen Regeln der Kunst die Sau rausgelassen wird. Nicht so richtig konsequent, oder?

  6. Schlens
    April 25th, 2011 @ 08:47

    Jan: Es gibt hier einen kleinen Unterschied zwischen Karfreitag (und aehnlichen stillen Feiertagen) und sonstigen Feiertagen. Karsamstag ist z.B. kein stiller Feiertag, deswegen spricht auch nichts dagegen, an diesem Tag die Osterfeuer zu feiern.
    Persoenlich sehe ich gerade an Ostern das grosse Problem nicht. Andere Feiertage kommen da viel ungelegener.

  7. Jan
    April 25th, 2011 @ 11:47

    Laut deinem Link gehören auch Karsamstag und Ostersonntag zu den stillen Feiertagen und in Niedersachsen (und vielen anderen Ländern) herrscht auch dort ein Tanzverbot.

    Es geht mir nicht darum, ob das nun am Karfreitag ein größeres oder kleineres Problem darstellt, als an anderen Tagen (das dürfte ja letztlich auch für jeden etwas anders aussehen), es geht um das Prinzip und es geht auch darum, dass ich mir eben die Realität ansehe und erkenne, dass es kaum jemanden interessiert und die Leute höchstens genervt sind, dass bestimmte Geschäfte nicht geöffnet haben. Es mag eine verschwindende Minderheit geben, die an dem Tag ihre Ruhe braucht aber warum sollte sich diese Minderheit beispielsweise in der Nähe einer Diskothek (die zumindest bei uns hier draußen in der Regel in irgendwelchen Gewerbegebieten zu finden sind) aufhalten?

  8. Restebloggen aus dem Urlaub (67) « überschaubare Relevanz
    April 28th, 2011 @ 19:21

    [...] Jan Filter setzt sich mit dem österlichen Tanzverbot auseinander. Und mit dieser Erklärung Sonja Völkers, über die ich mich dermaßen aufregen könnte, dass ich es lieber nicht tue: „An mehr als 350 Tagen im Jahr darf nach Herzenslust getanzt und gefeiert werden. Es ist nicht zu viel verlangt, an wenigen Stillen Tagen aus Respekt vor der Religiosität einer Glaubensgemeinschaft darauf zu verzichten.„ [...]

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