Letzten Sonntag gabs Eier
Posted on | Februar 21, 2012 | 7 Comments
Es ist merkwürdig aber nachdem wir uns in äußerst schmerzhaften zwei Jahren dann doch irgendwie damit abgefunden hatten, dass die FDP-Bundesspitze treudoof der Kanzlerin auf ihrem unsäglichen europapolitischen Holzweg hinterherdackelt und auch sonst lieber abnickt oder einknickt, zwingt kein Geringerer als Rösler der Union seinen Wunschkandidaten fürs Schloss Bellevue förmlich auf: Joachim Gauck wird der nächste Bundespräsident.
Ich habe mich noch nicht so ganz entschieden, ob ich diese taktische Meisterleistung wenigstens teilweise für ein Versehen oder doch für einen durch und durch genialen Schachzug halten will, hoffe aber auf Letzteres – und hoffe noch viel mehr, dass das jetzt keine große Ausnahme war, sondern sowas wie der seit Jahren versprochene “Neustart”, beziehungsweise jener liberale Lieferdienst, den Philipp Rösler bei seinem Amtsantritt als Bundesvorsitzender der FDP angekündigt hatte.
Auf den ersten Blick ist die FDP ohne Zweifel der große Gewinner der Präsidentenkür. Kein Mensch scheint so richtig zu wissen, warum die Kanzlerin ein Problem mit Gauck hatte. Dass er mit jemandem zusammenlebt, mit der er nicht verheiratet ist? Dass er aus dem Osten kommt? Das er aus dem Norden kommt? Dass er nicht Katholisch ist? Alles ziemlich lächerliche Sachen – aber für einem Wirrkopfverein wie der Union möglicherweise ja tatsächlich handfeste Gründe, wer weiss das schon so genau.
Eine gewisse Rolle könnte hier natürlich auch gespielt haben, dass er vor nicht sehr langer Zeit mal der Kandidat von SPD und den Grünen gewesen ist. Die haben den Mann allerdings ihrerseits nur deswegen aufgestellt, weil sie wussten, dass er es nicht werden würde. Davon bin ich jedenfalls überzeugt: Joachim Gauck ist schließlich kein Kandidat, den ein Parteiengespann wollen kann, dass sich die ehemalige SED als künftigen Koalitionspartner warm halten möchte. Vielleicht steckt der Verdruss darüber zum Teil hinter den recht hanebüchenen Dingen, die der eine oder andere aus diesem Lager jetzt meint, als Vorwurf gegen den künftigen Präsidenten richten zu müssen.
Jene Dinge wiederum zeigen uns, dass der Kandidat halt auch abseits rein taktischer Spielchen eine gute Wahl ist, denn wem Linke oder Grüne vorwerfen, den Kapitalismus zu verteidigen oder jemanden “mutig” zu nennen, der etwas sagt, dass dem Mainstream widerspricht, wäre auch ohne beeindruckende Biographie jemand, dem man gern zuhört.
Dass vor allem von linksaußen, aber auch von grünen Koryphäen wie dem verurteilten RAF-Unterstützer Christian Ströbele HB-Männchen-artig auf Gaucks Kandidatur reagiert wird, unterstreicht dabei noch einmal, dass es sich um eine gute Wahl handelt.
Und auch in der Union, wo man momentan noch zähnefletschend auf Rache sinnt, wird man sich nach Verziehen des koalitionären Pulverdampfs vielleicht ja doch noch darüber klar werden, dass ausgerechnet die von den Schwarzen wohl etwas vorschnell für tot erklärte FDP sie vor dem nächsten vom Volk ungeliebten Kandidaten bewahrt haben könnte.
Meiner eigenen bescheidenen Meinung nach ist Joachim Gauck tatsächlich die zweitbeste denkbare Lösung für dieses Amt. Angesichts des Trubels, den er vor allem bei Feinden der Freiheit verursacht, bin ich allerdings fast soweit, die Existenz eines Bundespräsidenten Gauck der Abschaffung des kompletten Amtes vorzuziehen.
Wichtiger wäre mir allerdings, dass die FDP ihre neu entdeckten Eier von nun an auch bei echten Entscheidungen zu verwenden weiss. Dass sie bewiesen hat, dass sie das entgegen aller Wetten, die ich bis letzten Sonntag noch abgeschlossen hätte, tatsächlich kann, bleibt die entscheidende Botschaft des vergangenen Sonntags. Hut ab, Philipp.
Comments
7 Responses to “Letzten Sonntag gabs Eier”
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Februar 22nd, 2012 @ 04:10
Warum werden der FDP plötzlich Eier zu gesprochen. Eier hätten sie gehabt hätten sie damals Wulff durch rasseln lassen. Das wären “Bullenklöten” gewesen und hätte gesessen.
Merkel hat sich selbst ins aus maneuvriert in dem sie Wulff stützte, die FDP musste nur noch den Gnadenstoß setzen.
Warum behauptet jeder plötzlich die FDP hätte ihr Selbstbewusst sein gefunden?
Liegt die Messlatte eigentlich schon so tief das man Hopser bejubelt?
Also wenn das die Vorstellung von “Eier haben” ist muss ich mich nicht wunder warum die FDP sich die letzten Jahre derart am Nasenring hat vorführen lassen.
Februar 22nd, 2012 @ 07:14
Dass sowas nicht schon viel eher passiert ist, ist der Umstand, den ich im ersten Satz kommentiert habe. Normalerweise wäre die Auswahl des Bundespräsidenten etwas, dass ich persönlich gerne gegen eine echte politische Entscheidung tauschen würde. Wulff hätte ich auch nicht gebraucht aber für so etwas irrelevantes gleich alles in die Waagschale zu legen würde ich normalerweise so nicht erwarten.
Februar 22nd, 2012 @ 07:18
Nee. Aber gar nicht. Nicht mal unbedingt, weil ich die Vorwürfe gegen Gauck teilweise für berechtigt halte, sondern vor allem, weil dieses unselige Amt nicht mal Chuck Norris retten könnte.
Der Angriffskrieg gegen Polen war damals sicher auch die zweitbeste Lösung. Gleich nach keinem Angriffskrieg gegen Polen.
Februar 22nd, 2012 @ 17:58
Es geht doch höchstens in zweiter Linie um das Amt. Die FDP hat Angela Merkel erfolgreich angeschossen, das ist einfach grandios und hätte zumindest ich nicht mehr erwartet.
Februar 22nd, 2012 @ 20:27
Sogar wenn sie sie angeschossen hätte (was ich bezweifle), dann wäre es immer noch kein Anlass zur Freude, weil es auf so ziemlich die erbärmlichste denkbare Weise passiert wäre.
Februar 22nd, 2012 @ 23:14
Was ist denn erbärmlich daran, seine Position durchzusetzen? Wie soll es denn sonst gehen? Na klar kann es sein, dass das ne Eintagsfliege war, dass wir sowas zum ersten und letzten Mal erlebt haben. Aber da übe ich mich nun erstmal in Zweckoptimismus. Schaun wir mal.
Februar 23rd, 2012 @ 09:01
@Jan:
Per se nichts. Aber wenn man das nur bei einer erbärmlich falschen Position schafft, die man von vornherein nur deshalb innehat, weil man sein Fähnchen nach jeder lauen Luft dreht, während man bei wirklich relevanten Fragen mit einer Sicherheit einknickt, die sogar unter den eigenen Anhängern schon zum Running geworden ist, dann finde ich Begriff rundum angemessen.
Es kann natürlich sein, dass ich mich irre und dies der Beginn eines neuen Zeitalters glasharter liberaler Positionen und unbeugsamen Widerstands gegen den Etatismus aller anderen Parteien ist. Aber bis auf Weiteres sehe ich das nicht kommen.