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Pussy Riot

2 Jahre “Straflager”, so lautet das Urteil. Die Quittung für einen krawalligen Auftritt in einer Kirche ohne deren Erlaubnis und in Anwesenheit einiger Gläubigen. Eine Quittung, die im autokratischen Russland auch sehr viel übler hätte ausfallen können, ohne jetzt das Urteil irgendwie verharmlosen zu wollen.

Versuchen wir mal nüchtern zu beurteilen, was da passiert ist: Eine Punkband wählt als Form des politischen Protestes einen illegalen Auftritt in einer Kirche, den sie filmt und später verbreitet. Wenn ich es richtig verstanden habe (was nicht unbedingt der Fall sein muss, ich verstehe leider kein russisch), ging es zum Einen um Protest gegen Präsident/Regierungschef (er ist ja beides immer abwechselnd) Putin und zum Anderen darum, die Verknüpfung zwischen Staat und Kirche aufs Korn zu nehmen. Diese Ziele sind auf jeden Fall erreicht worden, das kann man schonmal festhalten. Die internationale Aufmerksamkeit ist vermutlich sogar mehr, als die nun Verurteilten sich je davon erhofft hatten.

Das Urteil stößt dagegen auf verhältnismäßig viel Unverständnis. Das kann ich nur zum Teil nachvollziehen. Man wird mir nun nicht unbedingt eine Nähe zu Kirchen, insbesondere halbstaatlichen, unterstellen können aber würde jemand sowas Ähnliches in Deutschland veranstalten, würde er auch hier mit gewissen rechtlichen Konsequenzen rechnen müssen. Man geht nicht einfach in fremder Leute Privatgebäude und beschimpft sie dann öffentlich, dreht davon auch noch ein Video und verbreitet es. Das ist frech und sollte es ja auch sein, schließlich handelt es sich hier um eine Punkband. Aber es ist nicht nur nach irgendwelchen Gesetzen nicht in Ordnung, sondern auch nach dem ganz universellen Maßstab der Achtung des Privateigentums etwas, dass niemand gern auf sich sitzen lassen würde, was wiederum eine juristische Verurteilung moralisch grundsätzlich rechtfertigt.

Interessant wird es allerdings beim Straftatbestand, der da lautet “Rowdytum aus religiös motiviertem Hass”. Gerade so, als wäre die Motivation hier irgendwie entscheidend oder als hätten gar religiöse Menschen mehr Rechte als andere. Und hier liegt – neben dem Vorwurf, das Verfahren wäre aus dem Kreml gesteuert worden* – das eigentliche Problem des Pussy-Riot-Urteils. Denn die Unterstellung einer religiösen Motvation, wenn doch eigentlich Politik und Kirche das Ziel waren, wirkt doch ein wenig an den Haaren herbeigezogen. Wer Kirche kritisiert, kritisiert damit nicht automatisch Religion, auch wenn Kirchenleute gerne so tun, als sei es bereits Gotteslästerung, ihr weltliches Verhalten zu verurteilen und die Existenz quasi-staatlicher Kirchen zu missbilligen.

Das ist aber kein spezifisch russisches, sondern ein internationales Problem – das im Extremfall Formen wie im Iran oder Arabien annimmt. Aber soweit muss man gar nicht schauen. Die Verquickung von Staat und Kirche ist auch in Deutschland eng genug: Ein Pastor ist Bundespräsident, wer aus der Kirche austreten will, muss dafür zu einer staatlichen Behörde und dort erstmal eine teilweise absurd hohe Gebühr abdrücken, weil ja nicht die Kirchen, sondern der Staat die Mitgliedsbeiträge der Kirchen einzieht (die, so ist das eben, wenn sich Kirchen als Teil des Staates fühlen, folgerichtig “Steuer” heisst)  - und auch unsere Gesetzgebung kennt Spezialgesetze, die religiöse Menschen gleicher als gleich machen sollen und zu diesem Zweck mehrjährige Haftstrafen vorsieht.

So gesehen kann man das Pussy-Riot-Urteil (wie ich) subjektiv viel zu hart finden. Aber das Problem ist eben doch sehr viel weitergehender, als dass es mit der üblichen “Putin-ist-ein-Tyrann”-Schelte erledigt wäre. Wir sollten die Gelegenheit nutzen, um vor der eigenen Tür zu kehren. Auch wenn dort nur halb soviel Schmutz herumliegen mag, wie vor der Kremltür.

* Der Vorwurf der politischen Einflussnahme auf die Justiz mag zutreffen oder nicht aber jedenfalls erwarten wir in Russland so etwas ganz einfach, weil es sich nunmal um ein autokratisches Regime handelt. Daran sollte bitte auch nichts ändern, dass dieses Regime einen deutschen Bundeskanzler auf seiner Gehaltsliste hat, der folgerichtig immer wieder behauptet, das Russland und insbesondere sein Zar unheimlich demokratisch wären. Für ein paar hunderttausend Euro im Jahr behaupte ich sowas gerne auch über Cuba oder Nordkorea. Nur an den tatsächlichen Verhältnissen ändert Propaganda an sich aber überhaupt nichts.

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