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Das Recht auf Provokation

Nicht selten werden historische Ereignisse Jahre später verfilmt. Dass das auch umgekehrt geht, beweist die fabelhafte Serie South Park, die dem Thema “Mohammed-Videos” bereits im Jahr 2006 eine Doppelfolge (Teil 1, Teil 2) widmete. Die Geschichte beginnt ungefähr so, wie wir es heute erleben: Ein Fernsehsender will Mohammed in einer seiner Serien als Figur auftreten lassen und versetzt damit ganz Amerika in Panik und die arabische Welt in Aufruhr. Kluge south-parker Bürger kommen dann auf die entscheidende und bald in ganz Amerika kopierte Idee, wie der sie sich vor der gefürchteten Rache der Islamischgläubigen schützen können: Nämlich, indem sie ihren Kopf in den Sand stecken. Weil es South Park ist, ist das buchstäblich gemeint und der Sinn wird sich auch den Fans der Serie, die diese Folge nicht kennen, sicherlich schnell erschließen: Wer seinen Kopf in den Sand steckt, kann die Sendung weder sehen noch hören und den Rächern des Islams nach dieser bestechenden Logik umso glaubhafter erklären, ihren Propheten im Fernsehen weder gesehen, noch gehört zu haben, also vollkommen unschuldig zu sein. Vorher ließ man den damaligen Präsidenten Bush noch erklären, dass er sich wegen so eines dummen Zusatzes zur Verfassung nicht in der Lage sieht, die heftig umstrittene Sendung zwangsweise aus dem Fernsehen verbannen zu lassen.

Letzteres gilt so leider heute bereits nicht mehr. Die amerikanische Regierung hat es tatsächlich fertig gebracht, sich in eigens produzierten Werbespots, die zum Beispiel in Pakistan ausgestrahlt werden sollen, von dem realen Video zu distanzieren, ja sich regelrecht für seine Existenz zu entschuldigen. Präsident Obama weist laut Zeitung in dem Video darauf hin, dass Religionsfreiheit zu den Grundpfeilern Amerikas gehört und er Inhalt und Botschaft des aufsehenerregenden Filmtrailers grundweg ablehnt. Dämlich an dieser Haltung ist natürlich, dass der Präsident sich und seine Regierung damit für irgendwie mitverantwortlich für das Video (und implizit alles, was Hollywood oder Youtube sonst noch so in die Welt blasen mögen – viel Spaß!) erklärt, wenn er sich genötigt fühlt, sich in so weitreichender Weise dafür zu entschuldigen, statt einfach zu erklären, dass in Amerika im Unterschied zu zum Beispiel Pakistan nunmal jeder sagen, zeigen und veröffentlichen darf, was er will und genau dieser Umstand ein sogar noch wichtigerer Grundpfeiler des amerikanischen Systems ist, als die so in den Vordergrund gerückte Religionsfreiheit.

Was in Amerika immerhin anscheinend nicht ernsthaft diskutiert wird, ist ein Verbot dieses Films. Und darin liegt ein gewaltiger Unterschied zu offenbar verrückt gewordenen Politikern in Deutschland, die in unterschiedlicher Weise meinen, gleich die richtig großen Geschütze auffahren zu müssen. Ein paar Beispiele:

  • Ruprecht Polenz, Vorsitzender des ZDF-Fernsehrates und damit immerhin jemand mit einer gewissen Medienmacht, außerdem Vorsitzender des auswärtigen Ausschusses des Bundestages, äußerte sich auf Facebook mehrfach in dem Sinn, dass wer das Video verbreitet oder zeigt, seiner Meinung nach der wahre Bösewicht sei und Schuld an Gewalt und Mord am anderen Ende der Welt hätte.
  • Horst Seehofer, CSU- und Regierungschef des größten deutschen Landes (das by the way “zufällig” auch das Heimatland des aktuellen Papstes ist) möchte künftig Blasphemie noch stärker als ohnehin schon unter Strafe stellen.
  • Dirk Niebel, Bundesminister und, laut Parteizugehörigkeit, Liberaler, fordert sogar ein Verbot der “Ausstrahlung” des Videos (vielleicht sollte ihm jemand mal sagen, dass das Teil längst im Internet ist und die “Ausstrahlung” damit millionenfach vollzogen wurde), weil grenzenlose Meinungsfreiheit zu weit ginge und der, der sie fordern würde, wohl keine Ahnung hätte, dass er damit Konflikte auslösen könnte.

Man weiss nicht, über welche dieser Äußerungen man sich am meisten aufregen soll aber schlimmer, als all diese Dummbeutel ist eigentlich noch, dass die Stimmen in der Politik, die die exakt gegenteiligen Positionen vertreten, entweder kaum vermehmbar sind, wenn es sie überhaupt gibt – oder von Idioten stammen, denen es tatsächlich nur um dumpfe Provokation geht.

Das letztere Funktioniert, ist zum Einen nicht neu, wie wir an der Aufregung um die Mohammed-Karikaturen von vor ein paar Jahren erkennen mussten (die übrigens der Anlass zur eingangs erwähnten South-Park-Episode gewesen sein sollen). Wer meint, die Provokateure wären hier das große Problem, dass es zu lösen gälte, sollte sich mal einen noch viel älteren Fall anschauen. Im Jahr 1977 mussten schon einmal Menschen wegen eines Mohammed-Films sterben. Damals handelte es sich um eine Hollywood-Produktion und es wurden einfach nur das Leben des Propheten verfilmt. Da war nichts frech, nichts beleidigend aber logischerweise gab es diesen Mohammed als Figur in dem Film, der seine Lebensgeschichte erzählen sollte.

Und das führt uns zu der entscheidenden Frage, worum genau sich die derzeitige Aufregung denn eigentlich dreht. Bemerkenswerterweise hat sich ja sowohl in den Medien, als auch in der Politik längst der Begriff “Schmäh-Video” durchgesetzt. Er trifft aber nicht zu. Das Video wirkt eher wie eine ziemlich billige Islam-Version von “Das Leben des Brian”, wenn auch mit einfach nur dämlich-unlustigen Scherzen. Da wird allenfalls eine historische Figur durch den Kakao gezogen – aber nur, wenn man dieses wirklich nicht sehr gute Werk tatsächlich ernst nehmen will. Ob man das will, kann man sich aussuchen. Wenn ein paar besonders fanatische Gläubige meinen, sich wegen so einer Lapalie zum Affen machen zu müssen, ist das allein deren Sache. Wenn Terroristen das Video (Monate nach dessen Erscheinen) zum Anlass nehmen, ausländerfeindliche Anschläge zu verüben, ist das übel – aber machen wir uns nichts vor, die hätten ja auch jeden anderen hergesuchten Anlass genutzt, um ihre kranke Mordlust auszuleben.

Das wirklich Üble an der Kontroverse über dieses Video ist, dass der sogenannte Westen selbst dieses Video dermaßen Ernst nimmt und bereit scheint, selbst elementare Grundrechte, die bekanntlich gleichzeitig das ultimative Ziel aller irren Terroristen und Fanatiker sind, leichtfertig über Bord zu werfen. Diese Leuten dürften dabei das umstrittene Werk mehrheitlich gar nicht selbst gesehen haben. Im Radio hörte ich unlängst den Bundesinnenminister, Herrn Friedrich von der CSU (wie gesagt: Papst-Partei) unverhohlen zugeben, dass er das Video in der Tat nicht gesehen hätte. Von Verbotsforderungen und anderen krassen Äußerungen hat ihn das so wenig abgehalten, wie den Rest der Bande derer, die der Provokation die Schuld an den Verbrechen der Provozierten zuschieben wollen. Es drängt sich der Verdacht auf, dass dahinter eine ähnliche Logik wie in der genannten South-Park-Folge steckt, und man meint, den Kopf in den Sand stecken zu dürfen, um umso unschuldiger zu erscheinen, während man aber tatsächlich der Zensur das Wort redet.

So überflüssig und unwichtig das Video in Wirklichkeit wäre, würden es nur ein paar mehr von denen anschauen, die meinen, sich drüber aufregen zu müssen, auch ist. Die daraus entstandende Debatte über die Grenzen der Meinungsfreiheit ist an Wichtigkeit kaum zu überschätzen. Im Zentrum der Debatte steht zwar der in dieser Hinsicht längst laufende “Kampf der Kulturen” und insbesondere die Frage, wie man mit der arabisch-islamischen Welt umgehen darf/soll/kann, damit man halbwegs friedlich miteinander klar kommt. Die Auswirkungen der Debatte machen aber nicht halt vor allen anderen denkbaren Fällen von Provokation. Wer mit Äußerungen, Filmen oder sonstigen Veröffentlichungen andere dazu provoziert, Menschen zu töten, dem darf man vielleicht unterstellen, eventuell zu weit gegangen zu sein.

Wenn aber Leute mit politischer Macht beginnen, zu definieren, welche Provokationen erlaubt sein sollen und welche zu weit gehen, wird es richtig eklig. Das Politiker sich vor allem seichte, unprovokative und möglichst stromlinienförmige Kritik, wie sie sie aus den deutschen Massenmedien kennen, wünschen, darf niemals dazu führen, diesem Wunsch entsprechende Gesetzestexte folgen zu lassen. Weder aus diesem, meiner Meinung nach grotesk aufgebauschten, Anlass, noch aus irgendeinem anderen. Es ist an uns, den normalen, friedliebenden Bürgern, unsere wertvergessene Polit-Eliten darauf hinzuweisen, dass wir kein Verständnis für die Erosion elementarer Grundrechte haben.

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