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In Feiertagslaune

Es gibt haufenweise Dinge, die ich heute hätte erledigen können. Immerhin habe ich heute einen freien Tag. Zum Beispiel müsste ich mal zum Baumarkt und die Gasbuddel auffüllen, die am Wochenende leer geworden ist, als ich eine etwas größere Party geschmissen habe und dazu einen Heizpilz brauchte. Oder ich könnte meine Einkäufe tätigen, zu denen ich nach einem harten Arbeitstag praktisch nie Lust habe. Das Auto müsste auch mal wieder sauber gemacht werden. Alles Dinge, für die so ein freier Tag ideal wäre.

Wenn es denn wirklich ein freier Tag wäre. Ist er leider nicht, denn es handelt sich um einen gesetzlichen Feiertag. Gesetzliche Feiertage haben maßgeblich zwei Nachteile: Man darf selbst nicht arbeiten und ein großer Teil der Mitmenschen darf das auch nicht.

Mit Ersterem habe ich nur in sofern ein Problem, dass ich mir lieber selbst aussuchen würde, wann ich nicht arbeiten gehe. Ich würde mir dann wahrscheinlich nicht gerade einen Mittwoch aussuchen, sondern lieber einen Freitag, vielleicht auch einen Montag. Dann hätte ich nämlich ein langes Wochenende. Sehr wahrscheinlich würde ich diesen freien Tag auch nicht unbedingt auf Anfang Oktober legen. Generell wäre mir der heutige Tag als regulärer 21. Tag meines Jahresurlaubs sehr viel willkommener, als exakt diesen heutigen Tag so oder so frei haben zu müssen, obwohl das für meine persönliche Urlaubsplanung doch ein völlig blödsinniger Termin ist.

Kommen wir zum zweiten Nachteil: Auch sonst darf kaum jemand arbeiten. Vielleicht tue ich diesen Leuten unrecht und vielleicht finden die es ja ganz gut, ausgerechnet heute frei zu haben. Aber wenn das so wäre, hätten die sich doch sicherlich auch freiwillig den Tag frei genommen, oder was? Und vielleicht dann auch nicht tatsächlich alle, so dass ich eventuell doch noch einen einzigen Laden finden könnte, in dem ich heute, an meinem freien Tag, ein paar Sachen einkaufen könnte.

Jetzt schlage ich also den Tag mit irgendwelchen anderen Tätigkeiten tot. Das ist in dem Sinn auch kein Problem für mich, zu tun gibts ja immer genug und Zeit ist sowieso immer zu wenig da. Trotzdem bleibt das miese Gefühl, einen freien Tag nicht frei nutzen zu können. Und die Frage drängt sich auf: Warum lässt man mich nicht?

Die Antwort darauf lautet: Weil heute vor x Jahren Deutschland wiedervereinigt worden ist. Das war damals, 1990, natürlich eine aufregende Sache und ganz bestimmt auch keine leichte Aufgabe für die, die das umsetzen mussten. Diese Antwort auf die Frage, warum ich heute dazu verdammt bin, meine freie Zeit nicht frei nutzen zu dürfen, ist allerdings trotzdem ziemlich unbefriedigend. Denn bei allem Verständnis für die Bedeutung, die der Tag damals gehabt hat und für die Leute, die an seinem Zustandekommen beteiligt waren, war das damals streng genommen nichts weiter als ein Stichtag für verschiedene Verwaltungsangelegenheiten. Naja und im fernen Berlin hat man an dem Tag auch noch ein schönes Feuerwerk abgebrannt. Und sicherlich ist das alles in allem trotzdem ein historisches Datum, an das man sich und andere von mir aus gern erinnern sollte.

Aber was ist dieser Tag denn schon im Vergleich zu dem Mut, den die Menschen aufbrachten, die jahrzehntelang die festungsartigen Grenzen innerhalb Deutschlands durch spektakuläre Fluchten, auf denen nicht wenige ihr Leben ließen, löchrig und löchriger machten? Oder jenen Menschen, die 89 massenweise auf die Straße gingen, um gegen ein Regime zu demonstrieren, dass gleichzeitig erklärte, es hätte absolutes Verständnis für das, was kurz zuvor in Peking von einer befreundeten Regierung angerichtet worden war? Oder auch nur jenen Menschen, die bereits 1953 spürten, dass ihre Regierung sie zu Arbeitssklaven degratierte und einen Volksaufstand vom Zaun brachen, der überhaupt erst zu den besagten unmenschlichen Grenzbefestigungen führte?

Ist es nicht bemerkenswert, dass die Politiker, die diesen Tag anstelle verschiedener anderer zum Feiertag gemacht haben, lieber ihr eigenes Werk feiern, als den Mut von Menschen, die gegen ihre Regierung aufbegehrten?

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