Tach der Niedersachsen läuft an
An sich ja schön, dass in Winsen mal richtig was los ist.
Aber muss das wirklich sein, dass der Tag der Niedersachsen mit Stadtwerke Winsen, Die Insel, Sparkasse Harburg-Buxtehude, Volkswagen, Nord LB und Lotto Niedersachsen ausschließlich Staatsunternehmen als Hauptsponsoren hat? Konnte man nicht versuchen, freie Geldgeber zu finden, statt so indirekt den Steuerzahler zur Kasse zu bitten?
Naja und das Programm ist alles in allem scheinbar schwerpunktmäßig für die Zielgruppen Kinder und Jugendliche bis 15 und Erwachsene ab 35/40 aufwärts zugeschnitten. Das ist okay, vermutlich ist das für Familien ne ziemlich lockende Kombination.
Aber beim Hessentag gabs dagegen beispielsweise Kracher wie Fettes Brot oder Jan Delay, Grönemeyer und Badesalz und nicht zu vergessen Die Ärzte.
Die Highlights in Winsen an diesem Wochenende sind dagegen Extrabreit und eher unbekanntere, aber feine Bands wie 104 Elements oder Rock n Roll Deputyz. Nicht schlecht, wirklich nicht – aber doch kein Vergleich mit den Highlights aus Hessen!
Naja, hoffen wir im Interesse meiner Heimatstadt aber all diesen Widrigkeiten zum Trotz, dass das Wetter doch noch überraschend aufhört so scheiße zu sein und die Menschen nur so in Scharen herströmen. Wie gesagt: Für Familien ist das sicherlich der Hammer, es gibt wirklich viel zu sehen, auch außerhalb des Showprogramms und Winsen ist alles in allem auch ein hübsches kleines Städchen, dass sich, so mein Eindruck beim durchfahren vorhin, zu diesem Wochenende natürlich nochmal besonders rausgeputzt hat.
Also nicht von meinem Genörgle abhalten lassen und sich selbst ein Bild machen;)
Servicetipp am Rande: Wer einfach nur so durch Winsen fahren will oder muss sollte beachten, dass die wichtigen Straßen alle gesperrt sind, wie ich heute mittag schon leidvoll erfahren musste…
Punkrock war auch schonmal systemkritischer
Ich war vergangenes Wochenende auf einem „Ärzte“-Konzert.
Okay, ich weiß ja: Für echte Punks sind „Die Ärzte“ sowieso noch nie richtig punk gewesen und wahrscheinlich sind sie sowieso schon immer viel zu erfolgreich gewesen und kommerziell und so weiter und so fort.
Dass man als mutmaßliche Millionäre genauso wenig ein Punk im ursprünglichen Sinn sein kann, wie wenn man, wie ich, ein Studium macht, um irgendwann mal einen hoffentlich gut bezahlten Job zu bekommen, liegt ohnehin auf der Hand.
Für mich gilt allerdings, dass mich vor allem die Musik mitreißt und die ihr zugrunde liegende politische Ungestümheit, Wildheit – vor allem ihr keine Grenzen kennender Freiheitsdrang. Das ist dann auch schon alles, was mich mit Punk verbindet – ich wasche mich nämlich regelmäßig und gehe sogar mal arbeiten oder wählen.
Und den Ärzten merkt man auch an, dass sie sich der echten Punkszene in erster Linie nostalgisch zugehörig fühlen und soweit ich weiß auch noch etliche Freunde dort haben. Aber trotzdem kommen die drei Berliner ja doch irgendwie aus der Punkszene, egal wie man zu ihnen stehen mag.
Kommerziell im Sinn von Coca-Cola- oder Mercedes-Benz-kommerziell ist die Band aber trotzdem ganz eindeutig. Die Ticketpreise lagen zwar mit knapp über 30 Euro für eine seit Jahrzehnten erfolgreiche Chartstürmerband wirklich sehr im Rahmen (man vergleiche das mal mit Tickets für die Weltverbesserer Grönemeyer, 59 Euro oder Maffay, 51-68 Euro).
Die angebotenen Merchandise-Artikel waren aber teilweise preislich sowas von jenseits von gut und böse: Beispielhaft seien der Original Ärzte-Kaffeebecher für 9,99 Euro oder das Ärzte-Schlüsselband, ebenfalls 9,99 Euro genannt. Das ist, um mal im linken Fachjargon zu sprechen, schon irgendwo eine Ausbeutung der Fangemeinde.
Aber egal, auf solches Zeugs kann ich ohnehin verzichten, ich war ja wegen der Musik da.
Und eigentlich nur wegen der Musik, nicht etwa, um das Klima vor seinem sicheren Tod zu retten. Das hab ich aber dabei offenbar auch noch getan.
Denn das erste, was mir am Ticket aufgefallen war, war ein kleiner runder Button, der darauf hinwies, dass 50 Cent des Ticketpreises dafür verwendet werden, die Klimaneutralität des Tickets zu sichern.
Nun meine ich mal gelesen zu haben, dass z.B. Krombacher für den Quadratmeter Regenwald nur einen Cent zahlt – keine Ahnung obs stimmt, ist an sich ja auch Rille, weil ungefähr genausoviele Menschen Krombacher saufen, um die Welt zu retten, wie aus dem selben Grund Ärztekonzerte besuchen. Wenn da aber etwas dran ist, wenn vielleicht der Quadratmeter sogar 10 oder 50 Cent kostet (was ich angesichts des damit nicht steigenden Kistenpreises für unwahrscheinlich halte, weil die Herren Jauch und Völler sich schließlich mit deutlich über 50 Cent ihren Weltrettungseinsatz vergüten lassen dürften), dann scheinen allein die Tickets unfassbare Klimakiller zu sein, wenn man den Gegenwert von womöglich mehreren Quadratmetern Regenwald benötigt, um ihre Existenz umweltpolitisch korrekt zu rechtfertigen.
Oder aber das Konzert-Management hat eine von diesen neuen Ablass-Händlern beauftragt, der davon (weil er ebenfalls kommerziell ist) diverse Angestellte und vermutlich die eine oder andere Dienstreise an Amazonas oder Kongo finanziert, was dann natürlich teurer werden kann.
Ein weiterer Button wies darauf hin, dass das Konzert insgesamt „klimaneutral“ veranstaltet wird. Was war ich beruhigt, monatelang hatte mich mein Gewissen schon geplagt und mir so jede Vorfreude auf das Konzert verhagelt!
Nun gut, damit können die Veranstalter allerdings nicht meine Anreise aus Baden-Württemberg bis nach Kiel gemeint haben. Und damit meinen sie wohl auch nicht, dass meine Kumpels immerhin auch aus dem südlichen Hamburg nach Kiel fahren mussten und schon gar nicht kann die Rede von den vielen völlig Verrückten sein, die sich jedes einzelne Konzert geben und der Band durchs ganze Land hinterherreisen.
Konsequente Klimaneutralität ist also so oder so nicht zu erreichen – wer aber an die Menschengemachte Klimakatastrophe glaubt, der soll meinetwegen gerne versuchen, so klimaneutral wie er kann zu leben. Auf Konzertbesuche würde ich dann allerdings verzichten. Und auf Bananen und Fernsehen auch.
Ärgerlich wird’s natürlich, wenn man als Kunde keine Wahl hat und zum Beispiel von Konzertveranstaltern zu Klimaneutralität gezwungen wird.
Oder hatte man umweltethische Bedenken, dass Ärztefans doch nicht so politisch korrekt sind, wie sie es sein sollten und man Klimaneutralität darum lieber nicht per freiwillige Abgabe sondern durch „Druck von oben“, durch das Management eben, sichern wollte?
Naja, egal. Ich habe ja gewusst was es kostet, bevor ich das Ticket gesehen hatte und der Preis war für mich okay, insofern will ich mich darüber jetzt gar nicht beschweren.
Das aber ausgerechnet eine Band, die sich grob dem Punk zurechnet, zu Bütteln multinationaler Organisationen und sogar der Regierung macht, indem sie deren Politik bis ins kleinste Detail nachvollzieht, ja sie übererfüllt und sich gnadenlos politisch korrekt verhält, das ist die reinste Realsatire.
Sid Vicious würde sich im Grab umdrehen. Vorausgesetzt, er hätte Bock dazu.
Allerdings: Überraschend kam das nicht. Denn ich habe die Ärzte vor Jahren kurz vor den Senatswahlen in der Hamburger Color-Line-Arena gesehen, wo sie dann vor vielen Tausend ihnen lauschenden Fans ziemlich offen Partei ergriffen haben. Die Vorband Fettes Brot übrigens auch.
Spricht ja auch im Prinzip nichts dagegen aber mit Punkrock im ursprünglichen Sinn hat das noch weniger zu tun, als bloßer kommerzieller Erfolg es hätte.
Man kann allerdings beobachten, dass viele andere Bands und Künstler, die sich selbst gerne als „kritisch“ inszenieren, ziemlich unkritisch vielen kollektivistischen, paternalistischen und etatistischen Ideologien nachrennen. Vielfach wird da mehr oder weniger Stimmung in bestimmte, konkret durch Parteien darstellbare Richtungen gemacht, statt einfach nur die eigene Meinung zu vertreten.
Nun lass ich mich von der politischen Einstellung von Künstlern ohnehin nicht einlullen und sie ist mir meistens auch schnurzegal, wenn mir die Produkte und Werke denn ansonsten gefallen. Ich finde mich halt damit ab, dass Genie und Wahnsinn dicht beieinander liegen – was solls. Wenn ich nur Musik hören wollte, die von vernünftigen Menschen gemacht wird, könnte ich wahrscheinlich gut 90 Prozent meiner Tonträger sofort entsorgen.
Aber muss man meine Toleranz immer gleich so sehr auf die Probe stellen? Was Bands wie die Ärzte, vielen genialen Songs zum Trotz, aus dem einstmals parteipolitisch neutralen und unkommerziellen Punk gemacht haben, macht einen spätestens am Tag nach dem Konzert (wenn man so langsam wieder nüchtern wird und alles revue passieren lässt) schon etwas wehmütig.
Und lässt einen dann doch lieber zu den Klassikern des Punkrock greifen.
Fahnenflüchtige Ärzte
Interessante Vorgänge sind das, von denen Robert hier berichtet. Es geht um deutsche Ärzte, die bekanntlich mit steigender Tendenz in anderen Ländern ihr Glück suchen. Die Gründe dafür sind eigentlich allgemein bekannt: Die Arbeitsbedingungen sind beschissen, weil das deutsche Gesundheitssystem beschissen ist und es noch jeder Bundesregierung gelang, eine “Jahrhundertreform” nach der anderen zu launchen, die das Gesundheitssystem im besten Fall noch ein bisschen beschissener gemacht hat.
Mittlerweile sind weder Patienten noch Ärzte oder Klinikangestellte damit glücklich. Überrascht einen Liberalen natürlich nicht, das sind nunmal die direkten Folgen von Planwirtschaft und staatlicher Einmischung.
Viele Ärzte jedenfalls ziehen ihre Konsequenzen, die für jeden nachvollziehbar sein sollten: Sie verlassen das Land. Und in Schleswig-Holstein gibt es sogar eine Akademie, die Ärzten dabei hilft. Sie vermittelt Stellen, bietet Schwedisch-Kurse an und bringt den Ausreisewilligen Land und Leute vorab näher. Diese Kurse kosten die Teilnehmer offenbar nichtmal was, weil schwedische Regierungen das Programm bezahlen.
Die Politik sieht nun aber, man denkt es sich, Handlungsbedarf. Deutsche Politiker sind der Meinung, dass es in Deutschland an Ärzten fehlt. Die Gründe habe ich oben bereits genannt und niemand wird sie ernsthaft bestreiten wollen.
Trotzdem lösen die Tätigkeiten besagter Akademie keine Debatte über das deutsche Gesundheitswesen aus. Trotzdem zieht niemand in Erwägung, dass man es den Schweden gleich tun könnte und den Standort Deutschland Ärzten mit der einzigen wirklich brauchbaren Methode wieder Schmackhaft zu machen: Nämlich durch das Schaffen vernünftiger Arbeitsbedingungen statt des existierenden bevormundenden, ineffizienten Apparates, den schon lange niemand mehr durchschaut und der obendrein nichtmal kostengünstig ist.
Stattdessen rechnen Politiker vor, was den Staat die Ausbildung von Ärzten kostet, die dann (undankbares Pack!) einfach dorthin arbeiten gehen, wo sie wollen. Wer sich auf Staatskosten ausbilden lässt, der verkauft damit also nach Ansicht der Kritiker offensichtlich auch seine Seele an den betreffenden Staat.
In den Kommentaren zu diesem Zeitungsartikel werden schon Forderungen laut, dass Ärzte ihre Ausbildungskosten zurückzahlen sollen. Würde mich mal interessieren, ob das die selben Leute, die generell etwas gegen Studiengebühren haben. Ich könnte wetten, dass viele dieser Vorkämpfer für “soziale Gerechtigkeit” gleichzeitig Studiengebühren an sich und das Auswandern von auf Kosten der Allgemeinheit ausgebildeten Fachleuten ungerecht und gesellschaftsschädlich finden.
Motivationsbeitrag zum politisch aktiv werden
Hinweis: Dieser Artikel nimmt am ersten politischen Blog-Karneval teil, als Thema ist vorgegeben:
Politikverdrossenheit in Deutschland. Wohin führt uns die Parteiendemokratie?
Ein großes, für tatsächlich politikverdrossene Menschen etwas abstraktes Thema, dass ich darum aus kommunaler Sicht angehen möchte – nicht nur, um ein wenig auf die Wichtigkeit der Kommunalpolitik hinzuweisen und zu zeigen, wie einfach man sich direkt vor Ort engagieren kann. Sondern auch, weil für mich hier jedes politische Engagement seinen Anfang hat.
Bei der letzten Kommunalwahl in meiner Heimatstadt Winsen (Luhe) am 10. September 2006, lag die Wahlbeteiligung bei mageren 44,2 Prozent. Das ist nicht nur absolut gesehen nicht viel, weil die Mehrheit sich offensichtlich gar nicht erst beteiligt hat. Es ist auch relativ gesehen weniger, als der niedersächsische Landesdurchschnitt.
Woran das nun genau liegt, kann ich nicht beurteilen. Falls es an mangelnder Kommunikation zwischen Politik und Bürger liegen sollte, dann sollte zum Beispiel die erst kürzlich erneuerte Website der FDP mit Kommentarfunktion zumindest hier ein wenig Abhilfe schaffen können. Vielleicht springen andere Parteien auch noch auf diesen Zug auf – bis zu den nächsten Wahlen 2011 ist es ja noch ein wenig hin.
Vielleicht genügt in Zeiten zunehmender Individualisierung aber auch vielen Menschen das bekannte politische Spektrum nicht mehr. Vielleicht genügt es nicht, wenn man sich mit CDU oder SPD zwischen zwei großen entscheiden kann, zwischen denen die Unterschiede nicht immer deutlich zu erkennen sind, solange man sich nur sporadisch dafür interessiert.
Oder vielleicht sind die etablierten kleineren Parteien durch Vorurteile bei vielen Wählern so sehr belastet, dass sie weder Grünen (“alles verbieten was Spaß macht, Umwelt über alles”) noch FDP (“Besserverdienerpartei, nur für die Wirtschaft da”) ihre Stimme geben wollen?
Das sind, wie gesagt nur Vorurteile, die so pauschal schlicht nicht zutreffen. Aber wie sollen Politiker sie entkräften, wenn der Wähler so frustriert ist, dass es ihn fast nicht mehr interessiert?
Ein bisschen Biografisches
Bevor ich in die FDP eingetreten bin, habe ich mich viel über einzelne Politiker und ihre unsympathische Eigenschaft, chronisch die Intelligenz ihrer Wähler zu beleidigen, geärgert. Ein herausragendes Thema war für mich dabei beispielsweise die Rentenpolitik und Versprechungen, wie gut diese und wie sicher auch meine eigene Rente irgendwann angeblich wäre. Das war 1998/1999, ich war also gerade 18 Jahre alt und solche Fragen drängten sich mir zu der Zeit geradezu auf, wo ich doch seit kurzem dazu gezwungen wurde, mein erstes richtig verdientes Geld in einige mir schon damals suspekt erscheinende Sozialkassen einzuzahlen.
Inzwischen ist selbst unter den Politikern, die heute an der Macht sind, einigermaßen unumstritten, dass da große Belastungen allein auf diesem Gebiet auf mich, beziehungsweise meine Generation (und folgende) zukommen.
Für mich wurde damals klar, dass ich im Wesentlichen zwei Möglichkeiten habe, mit meiner Wut umzugehen: Entweder alles schlucken – oder aber aktiv reagieren und versuchen etwas zu verändern. Nicht in Frage kam für mich, einfach nur zu meckern, ohne eigene Vorstellungen zu entwickeln und diese zu vertreten. Das mag zwar für manche Menschen befriedigend sein, die gerne stumpf das Hirn abschalten und das nachplappern, was ihnen BILD, Bams und Glotze so anbieten. Meine Vorstellungen von Demokratie und Mitbestimmung gingen aber schon damals über Motzerei und das Recht, ab und zu ein Kreuz machen zu dürfen, hinaus.
Rückblickend halten sich meine Erfolge zwar sehr in Grenzen. Ganz so einfach ist es halt nicht und zwischendurch verließ mich dann auch die Lust – Politik macht nämlich nicht immer Spaß. Trotzdem mache ich mir weiterhin viele Gedanken, wie dieses und jenes verbessert werden könntemüsste (die vielen politischen Gedanken in diesem Blog sollten Beweis genug sein). Trotzdem versuche ich mich möglichst umfassend zu informieren und meine Schlüsse daraus möglichst weise zu ziehen. Und die Hoffnung, dadurch meine Umgebung ein wenig verbessern zu können habe ich auch nicht aufgegeben. Mein Beitrag mag mikroskopisch sein, für mich hat er trotzdem Bedeutung. Es geht auch ums Prinzip.
“Wer nicht kämpft hat schon verloren” – dieser kluge Satz könnte ein gutes Motto gegen jede Form von Politikverdruss abgeben. Ich kann mich über mangelnde persönliche Erfolge jedenfalls bisher damit trösten, genau die politischen Positionen unterstützt zu haben, die ich nach wie vor für die (meistens) einzig vernünftigen halte.
Demokratieverdruss?
“Die da oben machen eh nur Mist“, “was kann schon eine Stimme ändern“, “die kennen meine Probleme doch nicht“, “Politiker sind alles überbezahlte korrupte Lobbyisten” – das sind so Beispiele für Standardphrasen, die schnell laut werden, wenn man sich über Politik unterhält. Angesichts mancher bevölkerungsfeindlicher Entscheidung, Positionen die nicht vermittelbar sind, in schlimmer Regelmäßigkeit auftretende Ungereimtheiten, Skandalen und Skandälchen und ständigen Versuchen von Volksverdummung, ist vieles davon nachvollziehbar.
Auch solche Macken im System wären aber für mich Grund genug, nicht mehr nur zususehen.
Wer meint, dass Politiker ein einfaches Leben haben, extrem viel Geld für das bekommen was sie tun und ihren Job schlechter machen, als man selbst es könnte, für den ergibt sich daraus eigentlich nur ein vernünftiger Schluss:
Selbst Politiker werden!
Das ist zunächst einfacher, als mancher vielleicht denkt. Natürlich dauert es, bis man wirklich mal Geld dafür bekommt – wenn das überhaupt irgendwann eintritt. Mitreden zu können und Mitbestimmen zu dürfen ist aber nicht schwer, das geht auf kommunaler Ebene unkompliziert und schnell. Die Parteien freuen sich in der Regel über Anregungen aus der Bevölkerung.
Demokratie bedeutet, dass jeder das Recht hat sich zu engagieren – wo und wie er möchte. Und wer das mal auf die Probe stellen möchte, der wird merken dass das tatsächlich möglich ist. Man darf keine Wunder erwarten – aber von vorn herein abgewiesen wird niemand. So ist es jedenfalls in meinem FDP-Ortsverband und ich nehme mal an, dass das bei anderen Parteien in anderen Städten ähnlich ist.
Ernsthafte Anliegen werden immer ernst genommen. Geht es um kommunale Belange, dann ist es wirklich sehr einfach, seine örtlichen Volksvertreter auf bestimmte Dinge hinzuweisen und entsprechende Schritte einzuleiten, die etwas verbessern können. Natürlich müssen auch dazu jeweils Mehrheiten gefunden werden – aber hier besteht zumindest theoretisch recht schnell so etwas wie ein “direkter Draht”, wenn man sich ein wenig dahinterklemmt. Er wird nur oft vom Bürger und Wähler nicht besonders aktiv genutzt.
Natürlich ist es für einen normalen Wähler nicht mehr ganz so leicht, Anliegen auf die politische Agenda zu setzen, wenn es um Landes oder gar Bundesangelegenheiten geht. Grundsätzlich kann man sich natürlich auch hier an den Ortsverbände der Partei seiner Wahl wenden und hoffen, dass sie sich der Sache annehmen und genauso dafür eintreten wie man selbst und dafür sorgen, dass es auf den jeweils relevanten politischen Ebenen ein Thema wird. Ausschlaggebend ist auch hier die Mehrheitsfähigkeit in der jeweiligen Frage. Das kann nicht immer gelingen. Aber so funktioniert nunmal der demokratische Weg, Dinge zu entscheiden. Wer mehr Druck machen oder selbst für seine Anliegen werben möchte, der sollte einen Parteibeitritt in Erwägung ziehen.
“Die dich verarschen, die hast du selbst gewählt
Darum lass sie deine Stimme hören, weil jede Stimme zählt.”
so fordern uns Die Ärzte in einem ihrer Titel auf. Wenn ich das Lied richtig deute, dann ist damit weniger das Engagement in Form von eigener Politik gemeint, sondern mehr der Protest auf der Straße. Das ist ein legitimes Mittel der demokratischen Auseinandersetzung. Aber Ich für meinen Teil deute die Aufforderung, dass ich sie meine Stimme hören lassen soll in erster Linie in die Richtung, dass ich mir eine eigene Meinung bilden und diese dann vertreten muss, wenn ich möchte, dass sich etwas verändert.
Insofern verstehe ich das Lied nicht als reine Aufforderung zum Meckern. Man kann sich gerne und viel über sonntagsredende Politiker beschweren, ich selbst mach das auch oft genug (wie mein Blog zweifellos beweist). Aber sich dabei auf den Standpunkt “So jedenfalls gehts nicht” zurückzuziehen, wie es viel zu oft geschieht, genügt nicht. Wer etwas verändern wil, der muss sich viele Gedanken darüber machen, wie die Welt aussehen soll, die er anstrebt. Anschließend kann er dann ja mal gucken, mit welcher der etablierten Parteien seine persönlichen Vorstellungen am ehesten vereinbar sind.
Man wird unmöglich eine 100prozentige Übereinstimmung mit einer einzigen Partei finden. Hier gilt es Prioritäten zu setzen und ein wenig auf die Kraft der Vernunft zu setzen. Wenn die eigenen Ideen gut und vernünftig sind, dann werden andere Menschen sie sich möglicherweise zu eigen machen.
Parteienvielfalt
Wie ich oben schon angedeutet habe, beginnt für mich jedes Engagement vor Ort. Darum beschreibe ich jetzt mal als Beispiel, wieviele politische Gruppierungen es bereits in meiner kleinen Stadt gibt – in anderen wird das ähnlich aussehen.
Ich behaupte mal: Mit etwas gutem Willen kann sich jeder halbwegs in die jeweiligen Ideologischen Universen von CDU, SPD, Grünen, FDP, PDS/Linkspartei/WASG einordnen. Speziell für Winsen gibt es zusätzlich auch noch das Universum der Freien Winsener.
Ich könnte nun intensiv die einzelnen Kernpunkte dieser Parteien versuchen herauszuarbeiten. Da ich aber vermutlich dabei doch irgendwie befangen bin und und gerade bei solchen Vergleichen die eigene Meinung viel zu sehr reinspielen würde, verweise ich lieber auf die jeweiligen Programme oder die Tagespresse, der man auch immer einiges zur kommunalen Tagespolitik entnehmen kann. Alternativ tagen die Parlamente bei uns (und vermutlich auch anderswo in Deutschland) regelmäßig öffentlich, auch hier kann man seine Anliegen öffentlich vortragen und seine politischen Vertreter Stellung beziehen lassen.
Wer sich mit den etablierten Parteien nun absolut nicht anfreunden kann und aus irgendwelchen Gründen (ich wäre der Letzte, der so etwas irgendwem vorwerfen würde) auf Protest steht, der muss dazu nicht gleich zu den Braunen laufen, anfangen Ausländer zu hassen und für Völkermord eintreten.
Es gibt auch auf kommunaler Ebene Protestparteien, die weder kriegslüstern sind, noch den nächstbesten Wahnsinnigen wahlweise zu ihrem Führer, Großen Vorsitzenden oder sonstwelchen einäugigen König unter Blinden machen möchten. Als Beispiele seien hier mal die Pogo-Partei (Forderungen sind zum Beispiel: Winsen überdachen und beheizen, außerdem Freibier auf dem Schlossplatz) und die sich noch in Gründung befindende Internationale Zukunftspartei (tritt unter anderem für den Bau eines Regionalflughafens in Winsen ein) genannt.
Alternativen zum direkten parteipolitischen Engagement
Wer politisch aktiv werden will, der sollte sich im Klaren sein, dass das mit hohem Zeitaufwand verbunden sein kann, wenn er wirklich etwas bewegen möchte. Wer sich nur über bestimmte Dinge aufregt und seinem Ärger Luft machen will, der sollte das vielleicht nicht nur am Stammtisch gegenüber seinen Freunden tun. Warum nicht einfach mal einen Brief (oder Email) an seinen Abgeordneten, beziehungsweise sein Ratsmitglied schreiben? Immerhin sind sie die gewählten Vertreter von uns allen. Sie sollen ausschließlich unsere Interessen vertreten und sind uns darum auf jeden Fall Rechnschaft schuldig.
Links zu allen Winsen Parteien (soweit sie mir bekannt sind) habe ich ja oben bereits aufgeführt. Im Landtag vertritt uns André Wiese (CDU), der eine eigene Homepage mit Kontaktadresse unterhält. Bundestagsabgeordnete aus unserer Gegend findet man am besten über Abgeordnetenwatch.de, was ich als freiwillige Filterblog-Serviceleistung schonmal gemacht habe: “Zuständig” für unseren Wahlkreis sind Monika Griefhahn (SPD, zu erreichen über ihre Seite bei Abgeordnetenwatch und über ihre private Website), Michael Grosse-Brömer (CDU, zum Beispiel zu erreichen über seine Seite bei Abgeordnetenwatch oder seine private Website) und Professor Doktor Herbert Schui (Die Linke, Seite bei Abgeordnetenwatch, Profil auf Seite seiner Fraktion).
Für andere Gegenden Deutschlands hilft meist ein Blick auf die städtische Website weiter, reicht dass nicht muss man auf den Seiten des jeweiligen Landtags oder in der Suchmaske des Deutschen Bundestages (Eingabe von Postleitzahl oder Ort genügen) herausfinden, wer einen vertritt.
Weitere Methoden, die unter Umständen sinnvoll und erfolgversprechend sein können sind Bürgerinitiativen oder das Einreichen von Petitionen (z.B. an den Petitionsausschuss des Bundestags, oder des niedersächsischen Landtags). Auch über die sogenannten NGOs lässt sich Politik beeinflussen. Auf mich machen da viele zwar eher den Eindruck ideologischer Lobbygruppen, weswegen diese Art der Beteiligung für mich nicht so sehr in Frage kommt – das soll aber jeder selbst entscheiden. Ein Verzeichnis findet man zum Beispiel hier.
Fazit
Es gibt also viele Möglichkeiten, seinem Ärger Luft zu machen und sich selbst zu engagieren – sowohl innerhalb von Parteien, als auch außerhalb. Und alle diese Möglichkeiten, selbst das Wählen einer bloßen Protestpartei, sind besser dazu geeignet, seinen Unwillen Kund zu tun, als erst gar nicht wählen zu gehen. Denn damit stärkt man im Zweifel nur die, die man nicht haben will (sonst hätte man sie schließlich selbst gewählt).
Und nur falls ich den Eindruck vermittelt haben sollte: Es ist keineswegs nötig, gleich einer Partei beizutreten, nur weil man sich mit ihr identifizieren kann. Vorschläge und Anträge kann jeder machen. Gerade für die Kommunalpolitik gilt, dass Parteien ein offenes Ohr für ihre Wähler haben.
Demokratie macht nicht immer Spaß und nicht immer alles richtig. Doch die Alternativen gehen früher oder später (meistens früher) mit Unfreiheit, Entmündigung und Staatsterror einher. Wem Einzelheiten in unserem demokratischen System nicht passen, der sollte demokratisch dafür streiten sie zu verändern.
Wohin führt nun die Parteiendemokratie? Keine Ahnung. Fest steht aber: Mangelndes politisches Interesse, Miesmacherei und Resignation führen irgendwann zu Verhältnissen, die niemand will.
Wer bei allem Ärger den Wert zu schätzen weiß, die Wahl zu haben, der sollte sich darum überlegen, wie er seinen Groll am besten in politische Energie verwandelt, statt komplett zu resignieren.
Wir alle haben die Freiheit zur Wahl und zur Mitwirkung. Wer beides komplett ignoriert, der verhöhnt indirekt Diejenigen, die Jahrhunderte lang gerade in Deutschland dafür gekämpft haben und gestorben sind.
Nachtrag:
Wie Karnevalsveranstalter Soeren fordert, kommen hier nun meine 10 Tags zum Beitrag, von denen ich hoffe dass sie in etwa den Kern meines Artikels treffen:
Motivation, Engagement, Parteienspektrum, Methoden, Eigeninititative, Bürgerinitiativen, Demonstrationsrecht, Parteien, Kommunalpolitik, Winsen (Luhe)
Die klügsten Männer der Welt
Wenn ich so etwas lesen muss, dann regt sich in mir nicht selten ein gewisser Brechreiz. Peter “Die Pfeife” Struck, SPD-Fraktionsboss im Bundestag, will den unerwarteten Steuergeldregen auf den Kopf hauen (Zitat aus Spiegel-Online-Artikel):
Das Infrastrukturprogramm und das CO2-Gebäudesanierungsprogramm sollten 500 Millionen Euro zusätzlich erhalten, forderte Struck vor der Fraktionssitzung. Auch die Arbeit der Goethe-Institute im Ausland müsse stärker unterstützt werden. “Völlig klar” sei auch, dass der SPD-Wunsch nach einer Bafög-Erhöhung erfüllt werden müsse. Kostenpunkt: 290 Millionen Euro.
Unnötig zu sagen, dass das eher willkürliche Aktionen sind, die nicht unbedingt zu unseren momentanen Kernproblemen gehören.
Gut, der Fairness halber muss man dazu sagen, dass das wohl in erster Linie eine Reaktion auf geplante Etatsteigerungen in verschiedenen Unions-Ministerien verstanden werden kann. Die Schwarzen sind da also kein bisschen besser.
Der äußere Anstrich von Staatsfetischisten hat mich allerdings noch nie interessiert. Peer Steinbrück, der schon von Amts wegen gewissermaßen der einzig Vernünftige in der Regierung bleiben muss (und das hoffentlich auch durchhält), ist nicht zu beneiden. Egal wer irgendwelche Ansprüche auf die unverhofften Milliarden erhebt, er muss jedes Mal erklären, dass das Geld zum Schuldenabbau verwendet werden muss.
Und damit hat er Recht. Es ist für mich die einzig legitime Verwendung der zusätzlichen Einnahmen, damit die Schulden jetzt abzubauen, so weit es geht. Dieses Geld ist ja nunmal nicht von der Regierung erwirtschaftet, sondern Steuerzahlern überflüssigerweise (sonst wäre es ja schließlich bereits verplant) aus der Tasche gezogen worden. Das vergessen vor allem Politiker der regierenden GröKaZ-Parteien offenbar nur zu gern.
Jede Überlegung, das zuviel von den Bürgern kassierte Geld nicht wieder seinen rechtmäßigen Eigentümern per Steuersenkung zurückzuerstatten oder damit nicht den gewaltigen Schuldenberg zu bekämpfen verbietet sich.
Der Staatsapparat täte gut daran, höhere Steuereinnahmen nicht als eine Art “Gehaltserhöhung” anzusehen, die man nun für irgendwelche Volksbeglückungen benutzen darf. Dagegen sprechen einerseits 1.500 Milliarden Gründe in Form von geschuldeten Euro – und über 80 Millionen Menschen, die dem Staat diesen Geldsegen überhaupt erst beschert haben und die mit dem zuviel gezahlten Geld sicher auch viele gute Sachen bezahlen würden, wenn man sie nur ließe.
Wie Recht die Ärzte doch mit einem gewissen Song hatten, von dem mir dieser Tage immer wieder folgende Zeile durch den Kopf geistert: Sie “verwalten sorgsam unser Geld, dass sind die Klügsten Männer der Welt”.
Was die Band eher ironisch gemeint hatte, scheinen einige Regierungspolitiker offenbar wirklich ernst zu nehmen. Traurig.
Montreal
Sie heißen einzeln Yonas, Hirsch und Max Power und haben vor zwei Jahren ihre Band “Montreal” gegründet. Im letzten Jahr haben sie ihr erstes Album “Alles auf Schwarz” veröffentlicht, dessen stolzer Besitzer ich seit kurzem bin – nachdem man mir die Band empfohlen hat.
Sie klingen ein bisschen wie die deutsche Antwort auf The Offspring, ein wenig vielleicht auch wie die Ärzte. Auf den letzten 4-5 Partys bei denen mein eigener Rechner für die Musik zuständig war, war bereits des öfteren der Titel “Solang die Fahne weht” zu hören – eine nette Nummer, ordentlich flott und mit einem interessanten und witzig aufgemachten Thema (das man vielleicht mit “Was wir von Möchtegern-Punks halten” überschreiben könnte). Der Titel kommt jedenfalls an. Wer das selber testen möchte: Den Titel kann man (so wie zwei weitere) legal kostenlos auf Myspace herunterladen: http://www.myspace.com/montrealmusic.
Seit kurzem kann ich nun also quasi das bisherige “Gesamtwerk” der drei beurteilen – und bin nicht enttäuscht worden. Wer gutgemachte, punkige Rockmucke mag und nichts gegen zumeist witzige deutsche Texte hat (hat natürlich zur Folge dass man sich mit den Liedern mehr beschäftigt als sie einfach nur in falschem Englisch mitzugröhlen…), dem dürfte diese junge Hamburger Band genauso gut gefallen wie mir.
Website: http://www.montrealmusic.de
